Finkenwerder - die Insel in der Elbe

Die Elbe hat die Insel Finkenwerder geschaffen und sie geformt. Es gab in der Elbe Süßwasserfische aller Arten. Noch 1902 wurden in der Elbe von Finkenwerder Fischern Störe und Lachse gefangen. Die Elbe lieferte den Finkenwerdern bis 1902 das Trinkwasser. Durch die Abwasser der Hamburger vom nördlichen Elbufer wurde das Trinkwasser ab Mitte des 19ten Jahrhunderts ungenießbar und durch die Krankheitskeime lebensbedrohend. Die Elbe in ihrer Urform lieferte Hamburg die fruchtbaren Elbmarschen, in denen durch die vielen Nebenarme die Hafenbecken schon vorgezeichnet waren.
Der Tidenhub schlug den Takt zum Leben an und auf der Elbe. Der Tidenhub, von der Nordsee kommend, zeigt seine Wirkung bis Altengamme. Die Elbe hat aber auch durch verheerende Sturmfluten im Bereich der Elbmarschen viel Schaden angerichtet.
Das Leben auf der Elbinsel Finkenwerder war immer durch Sturmfluten gefährdet. Zwischen 1650 und 1760 waren die Zahlen der Todesfälle höher als die der Neugeborenen.
Erst als die Deichverordnung des Senators Amsinck von 1801 umgesetzt wurde und Finkenwerder eine geschlossene Deichlinie hatte, war das Leben auf Finkenwerder sicherer.
Genau diese Elbmarschen entwickelten sich immer mehr als ein Geschenk der Natur für die Hamburger. Es gibt weltweit keinen Fluss wie die Elbe, der ein Delta 100 km vom Meer entfernt im Binnenland liegen hat. Dass man dieses Land der Elbmarschen urbar machen konnte, wurde erst um 1100 erkannt.
Die Position der Elbinsel Finkenwerder befand sich um 1150 im westlichen Teil der großen Elbinsel Gorrieswerder.
Nach der schweren Sturmflut am 16. und 17. Februar 1164 wurde Finkenwerder von Gorrieswerder getrennt Im Jahre 1227 siegte Graf Adolf III. in der großen Schlacht von Bornhöved gegen König Waldemar von Dänemark und behauptete damit Holsteins Selbstständigkeit.
Zum Dank überließ der Graf seinem wichtigsten Bundesgenossen, dem Erzbischof Gerhard von Bremen, die Grafschaft Stade und den südlichen Teil der Insel Finkenwerder. Die nördliche Seite blieb bei den Schauenburgern und damit war die Insel von 1227 bis 1937 geteilt.
Nach einer Einigung zwischen dem Erzbistum Bremen und den Herzögen von Braunschweig-Lüneburg fällt 1236 der südliche Teil der Elbinsel Finkenwerder an Braunschweig-Lüneburg.
Die südliche Seite wechselte danach noch zweimal den Besitzer. Durch eine Erbschaft gehört ab 1705 der südliche Teil Finkenwerders zu Hannover. Nach dem verlorenen Krieg der Hannoveraner gegen die Preußen gehört der südliche Teil ab 1866 zu Preußen. Durch das Großhamburg – Gesetz gehörte dann ab 1937 der Süden der Insel auch zur Hansestadt Hamburg.
Nur die Bistumsgrenze der Katholischen Kirche verlief von 1227 bis 1993 quer durch Finkenwerder. Es hat den Anschein, dass der südliche Teil für die Niedersachsen kaum eine Bedeutung hatte.
Mit dem nördlichen Teil sah es etwas anders aus.
Für Hamburg bekam die Insel Finkenwerder ab 1189 eine strategische Bedeutung.
Hamburg war damals noch ein bedeutungsloser Handelsplatz an der Elbe.
Die Nord-Süd-Handelswege führten von Lübeck über Mölln, östlich an den sumpfigen Elbmarschen vorbei nach Bardowik, Lüneburg und Einbeck in den Süden. Auf Initiative von Graf Adolf III. von Holstein und Schauenburg verleiht Kaiser Friedrich I (Barbarossa) am 11. Mai 1189 den Bewohnern der gräflichen Hamburger Neustadt die Stapelrechte. Am 29. Oktober 1189 lässt Heinrich der Löwe die Stadt Bardowik in Schutt und Asche legen.
Das waren zwei Ereignisse, die Hamburg eine Sonderstellung als Handelsplatz in Norddeutschland einbrachten. Hamburg entwickelte sich prächtig, aus den Nebenarmen wurden brauchbare Wasserstraßen und später auch Hafenbecken. Die Hannoveraner sahen neidvoll die Entwicklung an der Elbe und versuchten wiederholt, den Hamburgern die Stapelrechte abzunehmen.
Die Insel Finkenwerder wurde daher für die Hamburger ein strategisch wichtiger Standort, denn über die Schleichwege der Süderelbe und der Dradenau konnten die Frachtschiffe den Handelsplatz Hamburg umfahren.
Die Stadt Hamburg hat sich viele Jahre bemüht, bis sie 1446 die nördliche Seite von Graf Otto II.
von Schauenburg käuflich erworben hatten. Von Finkenwerder aus konnten sie nun das Leben und Treiben auf der Elbe überwachen.
Der Grenzvertrag zwischen Hamburg und den Braunschweig-Lüneburgern, in dem im Jahr 1568 alle Spielregeln um die Grenze auf der Elbinsel festgeschrieben waren, hatte von 1568 bis 1937 Gültigkeit. Die Insel mit dem nördlichen Teil Finkenwärder und dem südlichen Teil Finkenwerder war 369 Jahre eine politisch geteilte Insel.
Mit dem Kauf der nördlichen Seite hatten die Hamburger auch die Fischereirechte in größeren Gebieten der Elbe erworben. So waren Landwirtschaft und Fischfang in der Elbe der Haupterwerb für die Menschen auf der Insel, bis eine neue politische Situation das Leben veränderte. Ab 1820 war der Hamburger Teil der Elbinsel ein politisch neutraler Heimathafen in einem von Kriegsgegnern umgebenen Umfeld.
Die Seefischer mit der Hamburger Flagge im Mast konnten ohne Schwierigkeiten ihre Fangplätze in der Nordsee erreichen. Von nun an zog es alle Seefischer und den von der Seefischerei abhängigen Berufen wie Zimmerleute, Segelmacher, Netzmacher und Schmiede nach Finkenwerder. Die Einwohnerzahlen haben sich zwischen den Jahren 1810 und 1900 auf der Hamburger Seite von 897 auf 3870 um den Faktor 4,3 erhöht. Auf Finkenwärder konnte Geld verdient werden.
Eine weitere Veränderung gab es gab es im Bereich der Kunst, als 1815 die Franzosen Hamburg verlassen hatten. In der Malerei wurden nun Gemälde mit Landschaftsmotiven bevorzugt gehandelt.
Es kamen in Hamburg auch die Bilder der Holländischen und Flämischen Malerei auf den Markt.
Die ansässigen Kunstmaler suchten nun neue Motive und fanden diese auf Finkenwerder. Hier fanden sie die stimmungsvollen Flusslandschaften und entdeckten außerdem eine völlig neue Welt der Wohnkultur. Die Kunstmaler konnten bei jedem Wetter in freier Natur oder bei schlechtem Wetter in den Wohnräumen arbeiten. Um die Jahrhundertwende hielten sich jedes Jahr in der Zeit von Mai bis September die bekanntesten Hamburger Kunstmaler auf Finkenwerder auf.
Danach kamen die Sonntagstouristen aus Hamburg auf die Elbinsel. Die Finkenwerder Gastwirte betrieben in Hamburg professionelle Werbung, um die Ausflügler nach Finkenwerder zu locken. Finkenwerder war für die Hamburger das Mallorca des Nordens. Noch im Mai 1933 zählte man auf Finkenwerder 158.000 Ausflugsgäste.
Die Stadtplaner haben sich die Insel schon um 1900 genau angesehen und geprüft, wie man Finkenwerder für die Hafenerweiterung und Werftindustrie nutzen kann.
Das Vorland vor den Deichen an der Norderelbe wurde mit Baggergut aufgeschüttet.
Die Ansiedlung der Deutschen Werft erfolgte 1918 und das Vorland am Köhlfleet wurde bebaut. Damit veränderte sich auch das tägliche Leben auf Finkenwerder.
In die neuen Wohnsiedlungen im Bereich der Ostfrieslandstraße und Nordmeerstraße zogen Menschen aus Hamburg ein, die auf Finkenwerder einen Arbeitsplatz gefunden hatten.
Nach dem 2.Weltkrieg kamen viele Flüchtlinge nach Finkenwerder. Durch die Fischerei, den Obstanbau und die Deutsche Werft gab es hier Lohn und Brot.
Die Deutsche Werft entwickelte sich gut und stand 1953 in der Rangliste aller Handelsschiffswerften an erster Stelle. Aus der Suezkrise 1956 wurde in Deutschland eine Werftenkrise und 1973 wurde die Deutsche Werft für immer geschlossen.
Die Firma Hamburger Flugzeugbau (Blohm u. Voss), die 1938 auf Finkenwerder die ersten Hallen errichtete, spezialisierte sich auf den Bau von Wasserflugzeugen. Schon 1940 stellten sie ein Flugzeug vor, das mit einer Tankfüllung den Atlantik überqueren konnte. Nach dem Krieg wurde das Werk von den Besatzungstruppen als Reparaturwerk für Lastwagen genutzt.

Als 1955 die Bundesrepublik Deutschland ihre Hoheitsrechte auf dem Luftfahrtsektor zurückerhielt, begann man wieder schrittweise mit dem Bau von Flugzeugen. Die Fertigung der Noratlas begann im Sommer 1957. Mit der Entwicklung eines kleineren Flugzeuges für max. 12 Passagiere mit Strahlturbinenantrieb begann man 1961. Danach folgte das Airbusprogramm, das nach der Einführungszeit vom Markt sehr gut angenommen wurde. Im Februar 1976 wurde der erste Airbus A300 in Finkenwerder an die Deutsche Lufthansa geliefert und im Januar 1994 der erste Airbus A321, der ebenfalls an die Lufthansa geliefert wurde, und auf den Namen „Finkenwerder“ getauft wurde. Dieses Flugzeug wurde komplett in Finkenwerder montiert.

Heute sehen wir auf dem Airbusgelände modernste Werkshallen, in denen das größte Flugzeug der der Airbusfamilie, die A380 montiert wird. Für alle Entwicklungen am Airbus-Standort Finkenwerder musste das Werksgelände erweitert werden.
Es wurde die 1938 in der Elbe ausgebaggerte Fläche wieder zugeschüttet und die Einfahrt zum Rüschkanal musste verlegt werden.
Auf der Fläche zwischen dem Rüschkanal und dem Steendiekkanal siedelten sich viele Dienstleistungsunternehmen für die Luftfahrtindustrie an.
In den letzten 100 Jahren hat es viele Veränderungen gegeben.
Finkenwerder war, Bauerninsel, Fischerinsel,
Schiffbauinsel, für viele Menschen Trauminsel. Auf jeden Fall immer noch eine Insel.

 

Geschichte Finkenwerders (Zeittafel)

1236
Am 22.September wird ein Vergleich zwischen Erzbischof Gerhard II und dem Herzog Otto von Braunschweig beurkundet, wonach dieser mit den Inseln Gorieswerder und Finkenwerder belehnt wird.
1427
Graf Otto II von Holstein und Schauenburg verpfändet dem Hamburger Ratsherrn Erich von Tzewen seinen nördlichen Teil Finkenwerders
1445
Graf Otto II von Holstein und Schauenburg verpfändet dem Rat der Stadt Hamburg seinen Teil des in der Elbe gegenüber Nienstedten gelegenen Finkenwerder.

Erich von Tzewen sorgt für de Neu-Eindeichung der Insel-Nordseite.
1446
Der Rat der Stadt Hamburg beurkundet den Kauf der zuvor an den Ratsherrn von Tzewen verpfändeten Hälfte Finkenwerders. Hamburg gewinnt damit die Gewässerhoheit und kann zukünftig verhindern, dass der Handelsplatz Hamburg über die Dradenau und die Süderelbe umfahren werden kann. Auch sichert sich die Stadt die reichen Fischgründe vor Finkenwerder
1508-1511
Starke Verwüstung der Nordhälfte der Insel durch Sturmfluten mit totaler Zerstörung der Deiche
1568
Die Landscheide, ein alter schon 1410 erwähnter Elbarm, wird vertraglich zur Grenze zwischen beiden Inselhälften (Heute: Finkenwerder Landscheideweg, im Finkenwerder- Niederdeutsch immer noch: De Laanscheen)
1603-1612
Erste Eindeichung beider Inselhälften
1618-1648
Der dreißigjährige Krieg lässt Finkenwerder unbeeinträchtigt
1705
Der Süden Finkenwerders fällt durch Erbschaft an das Kurfürstentum und spätere Königreich Hannover
1800
Senator Wilhelm Amsinck lässt Finkenwerder neu eindeichen
Deichwesen Finkenwerder 1801
Amsinck erlässt die sich für die weitere Entwicklung der Insel wichtig erweisende "Verfügung für das Finkenwerder Deichwesen". Daran erinnert seither in der Nähe des Marktplatzes am Steendiek der alte Amsinckstein mit der Jahreszahl 1806. Dieser war ursprünglich der Schlussstein im damaligen ersten "Steendiek", dem ersten seiner Art in Norddeutschland.
1810-1814
Finkenwerder - wie Hamburg von den Franzosen besetzt
1830
Finkenwerder (Nur Hamburger Seite) hat 1553 Einwohner
1866
Die Lüneburger Seite Finkenwerders wird preußisch, nachdem das Königreich Hannover den Krieg gegen die Preußen verloren hatte.
1870-1871
Krieg gegen Frankreich, auch Männer und Söhne aus Finkenwerder fallen.
Daran erinnert noch das Mahnmal am Finkenwerder Süderkirchenweg, an der alten Lühneburger Schule. Wie auch nach den folgenden zwei Weltkriegen das Mahnmal auf dem alten Friedhof.
1890
Finkenwerder (Nur Hamburger Seite) hat 3788 Einwohner
1902-1914
Elbseitige Aufspülung des späteren Geländes der Deutschen Werft im Vorland des Finkenwerder Norderdeichs und des Neßdeichs
1918
Gründung der Deutschen Werft
1919
Die Nordseite Finkenwerders wird Stadtteil Hamburgs
1936-1939
Aufspülung des Vorlandes, der "Schallen" vor dem Neßdeich und Ankauf von Ländereien im Westen Finkenwerders durch die Stadt zwecks Schaffung eines Flughafens
1939
Gründung der Firma Hamburger Flugzeugbau
1939
Finkenwerder hat in beiden Teilen zusammen 6318 Einwohner
1939-1945
Finkenwerder erleidet als Standort der Werft und aufgrund der Nähe zum Hafen und zu den Ölraffinerien erhebliche Kriegsschäden. Oktober 1944 bis April 1945: Die SS unterhält am Rüschweg auf Finkenwerder für die Deutsche Werft ein Außenlager des KZ Neuengamme mit bis zu 600 Häftlingen, von denen mehr als 300, 1945 bei dem Versuch, sie in Vernichtungslager im Osten zu deportieren, bei einem alliierten Angriff auf die Transportschiffe umkommen. (Mahnmal des Künstler Axel A. Groehl am Rüschweg)
1946
Finkenwerder hat in beiden Teilen zusammen 13 076 Einwohner
1973
Die Deutsche Werft wird geschlossen. Sie  stand in den Jahren 1938 und 1954 in der Rangliste aller Handelschiffswerften der Welt an erster Stelle.
1980-1992
Beiderseits der neuen Rudolf Kinau Allee entstehen Wohngebiete mit Einfamilienhäusern. Junge Familien beleben Finkenwerder
1989-2011
Die Firma Airbus entwickelt sich auf Finkenwerder zum drittgrößten Standort des Zivilflugzeugbaus in der Welt mit der Endlinienverantwortung für mehrere Airbustypen und das derzeit größte Zivilflugzeug der Welt, den Airbus A 380 und beschäftigt aktuell (mit Fremdfirmen) über 12000 Arbeitnehmer
2006
Finkenwerder wehrt sich mit einer erfolgreichen Bürgerinitiative gegen den Verwaltungsanschluss an den Bezirk Harburg und bleibt im Bezirk Hamburg Mitte
2007
Der Hamburger Senat schließt unter anderen Ämtern auch das Ortsamt Finkenwerder. Die Insel verliert damit auch ein Stück Selbständigkeit und ihre eigene bürgernahe Verwaltung. Durch eine Änderung des Bezirksverwaltungsgesetzes verlagern sich zudem viele Kompetenzen des ehemaligen Ortsausschusses auf die Bezirksversammlung. Finkenwerder behält aber ein eigenen Regionalausschuss.
2011
Finkenwerder hat ca. 11500 Einwohner, darunter etwa 13% Ausländer, in der Mehrzahl Türken, in der der 1. 2. und 3. Generation und wird ein friedliches Jubiläum feiern. Alle Bürger Finkenwerders freuen sich darauf, dass im Jahre 2012 durch den Betrieb der Umgehungsstraße endlich und hoffentlich für immer, das Problem des Durchgangsverkehres gelöst ist, das sich seit der Herstellung der Landverbindung nach Westen zu einem ständig wachsenden Problem entwickelte.